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In den Jahren 1349 bis 1350 zog der schwarze Tod durch die Mark. Die Beulenpest
verödete ganze Landstriche. Täglich trug man in Bernau, Werneuchen und den
umliegenden Dörfern die Toten zu Grabe. Das erst 150 Jahre zuvor gegründete Dorf
Blumenthal ist 1350 von der Pest derartig heimgesucht worden, dass fast alle
Bewohner verstarben und die restlichen angeblich nach Wrietzen und Strausberg
auswanderten. Die Sage machte aus Blumenthal eine versunkene reiche Stadt. An
der „Stadtstelle“ findet man heute noch Spuren alter Besiedlung und darum ranken
sich die Sagen.
Von hohen Interesse sind die merkwürdigen rätselhaften Steinsätze in dem so
genannten Blumenthal. Sie bilden ein Trapez, dessen Südseite 790, dessen
Nordseite 160, Westseite 80 und Ostseite Rheinische Ruthen lang sind; nach innen
zu in verschiedene Oblonga eingeteilt, die gleichfalls von Steinen umstellt
sind, enge Gassen bildend und mit 4 Eingängen; Überreste von ummauerten Plätzen
und Gruben, Strassen Brunnen, selbst Kirchen, das Rathhaus u. dergleichen mehr,
was auf eine einstige Stadt deutet, will man dort gesehen haben. Innerhalb
dieses Raumes liegen auch 3 Begräbnisshügel. Im März 1639 hat der Bürgermeister
Grüvel aus Kremmen zuerst diese Gegend in genaueren Augenschein genommen, und
damals noch gefunden, dass die Mauern, die aus lauter Feldsteinen bestanden, in
Mannes Höhe die Erde überragten. Nach seiner Ausmessung hatte die Nordseite 650,
die Südseite 750, die Breite 350 Schritt Länge. Beckmann, der eine Abbildung
giebt (I. 447 Tab. XIV. nro. 01.) fand die Steine schon sehr vermindert; auch er
huldigt der Ansicht, dass ein Städtchen hier gestanden hat. Herr v. Bernouilll
(Nachrichten über den Wald Blumenthal unweit Prötzel in s. Reise durch
Brandenburg, Pommern etc. 1 Band 1770 p. 7 etc.) hat 1777 noch einige
Mauerstücke ein Paar Fuss hoch über der Erde gefunden. KlU den (Beiträge zur
mineralog. u. geognostischen Kenntnis der Mark Brandenburg 5. St. 1832 8. 51)
hat bei Besichtigung dieser Lokalität von
regelmäßigen Mauern nichts mehr gefunden und hält die Stätte für einen alten
Begräbnissplatz, was durch spätere Nachgrabungen entschieden sei. Dem L. B. des
Predigers Lehmann von 1813 entnehmen wir Folgendes: „Die merkwürdige Stadtstelle
Blumenthal ist unstreitig in alten Zeiten ein menschlicher Wohnort gewesen. Man
sieht noch jetzt Spuren von Feldsteinmauern. Vor einigen Jahren sind von den
Waldarbeitern mehrere Werkzeuge, Hämmer, Sporen u. dergleichen gefunden worden,
leider aber den Kindern zum Spiele gegeben und wieder verloren. Kalk wird noch
jetzt dort gefunden. Die Stadt soll von den Hussiten auf ihrem Zuge nach Bernau
zerstört worden sein. Einige meinen, dass die Zerstörung älter sei. Der große
glatte Stein innerhalb der Stadtstelle ist vielleicht ein Denkmal aus der
heidnischen Zeit. Es ist wohl möglich, das hier, mitten im Urwalde schon die
Semnonen einen Volksversammlungsplatz oder eine Opferställe gehabt, und dass die
Städte erbauenden Wenden, hier eine Stadt angelegt haben. Die Stadtstelle
beträgt 66 Morgen, ist 816 Schritt und fast eben so breit". Wir sehen die
Angaben der Dimensionen weichen ziemlich von einander ab; was die vermutliche
Stadt betrifft, so ist so viel gewiss. dass keine der Quellenschriften und
Urkunden des Mittelalters einer solchen Gedenken. Der Berichterstatter fährt
also fort: „Wenn das Andenken dieses Ortes erhalten werden soll, so ist es jetzt
die höchste Zeit, die erforderlichen Schritte zu tun: denn die Pflugschar, die
schon einige Strecken der Stadtstelle In Acker umgewandelt hat, möchte bald auch
die letzten Spuren der ehemaligen Stadt vertilgen". „Der Markstein, Marktstein,
»der wie die gemeinen Leute sagen, der Marchtstein, auf der gedachten
Stadtstelle, unter einer Eiche, 7 Fuss lang, 6 Fuss breit, scheint ein
Opferstein gewesen.
»Der Blumenthal«, das heißt der Blumenthal-Wald, ist der Name eines großen
Forstreviers, das den Hohen-Barnim von Westen nach Osten hin durchzieht und
durch die von Berlin nach Wriezen führende Straße fast seiner ganzen Länge nach
durchschnitten wird. »Der Blumenthal« hat seine Romantik. Etwas von dem Zauber
Vinetas ist um ihn her, und die Sage von untergegangenen Städten, verschwunden
in Wasser oder Wald, begleitet den Reisenden auf Schritt und Tritt. Wer um die
Mittagsstunde hier vorüberzieht, der hört aus Schlucht und See herauf ein
Klingen und Läuten, und wer gar nachts des Weges kommt, wenn der Mond im ersten
Viertel steht, der hat über Stille nicht zu klagen, denn seltsame Stimmen, Rufen
und Lachen ziehen neben ihm her. Und ein schöner Wald ist »der Blumenthal«. Die
vielen Seen, die ihn durchschneiden, geben, auch wo sie nicht sichtbar werden,
seinem Laub eine duftige Frische, und ein Blühen ist ringsum, als woll es der
Wald immer wieder beweisen: ich bin »der Blumenthal«! Rapsfelder an den offenen
Stellen, die sich breit in den Wald hineindehnen, würzen im Mai die Luft; dem
Blühdorn folgt die Hagerose und dem Faulbaum der Akazienstrauch; die roten
Erdbeeren lösen sich ab mit den röteren »Malinekens« (wie der Landmann hier,
poetischen Klanges, die Himbeeren nennt), und wenn endlich der Herbst kommt, so
lachen die Ebereschenbeeren überall aus dem dunklen Blattwerk hervor. Dabei ein
Reichtum an Hölzern, wie ihn märkische Forsten wohl kaum zum zweiten Male
zeigen. In reichstem Gemisch stehen alle Arten von Laub- und Nadelholz; Eiche
und Edeltanne, Else und Kiefer, Buche und Lärchenbaum machen sich den Rang der
Schönheit streitig; vor allem aber ist es die Birke, der Liebling des Waldes,
die mit weißem Kleid und langem Haar an dem Auge des Reisenden vorüberfliegt.
Der Blumenthal ist fast zwei Meilen lang und ziemlich ebenso breit. Hier und
dort aber, wie schon angedeutet, unterbrechen Ackerstrecken das Revier und
dringen von rechts und links her bis an die Chaussee hin vor. Ungefähr in der
Mitte des Waldes treffen von Nord und Süd her zwei solcher Einschnitte zusammen
und teilen den Forst in zwei ziemlich gleiche Hälften, in eine westliche und
östliche oder in eine Werneuchensche und Prötzelsche Hälfte. Die erste ist die
landschaftlich schönere, die andere die historisch interessantere. Der schönste
Punkt der westlichen Hälfte ist der Gamen-Grund. Hier war es, wo Schmidt von
Werneuchen seine Sommer- und Familienfeste zu feiern liebte. Sein feiner
Natursinn bekundete sich auch in der Wahl dieser Stelle. Sie zeigt eine
besondere Schönheit, und während sonst der Bau einer Chaussee wenig zum Reiz
einer Landschaft beizusteuern pflegt, liegt hier ein Fall vor, wo das
Landschaftsbild durch die durchschneidende Weglinie gewonnen hat. Der
Chausseebau machte nämlich, wenn überhaupt eine passierbare Straße geschaffen
werden sollte, die Überbrückung des Gamen-Grundes nötig, und da die Herstellung
eines Dammes als passendstes Mittel erschien, ward ein Viadukt quer durch die
Schlucht geführt, der nun das Hüben und Drüben des Hügellandes verbindet. Von
der Höhe dieses Viaduktes aus blickt man jetzt nach links hin in die Wassertiefe
des Gamen-Sees, nach rechts hin in die Waldestiefe des Gamen-Grundes hinab. Der
Vorüberfahrende fühlt sich wie gebannt, und der Eiligste hat es nicht eilig
genug, um nicht ein paar Minuten an dieser Stelle zu verweilen. Beide Bilder
sind schön, auch einzeln betrachtet; aber das eine steigert noch die Wirkung des
andern. Nach links hin Klarheit und Schweigen. Der Gamen-See, wie ein Flußarm,
windet sich in leis gespanntem Bogen zwischen den Tannenhügeln hin, und nichts
unterbricht die Stille als ein plätschernder Fisch, den die Nachmittagssonne an
die Oberfläche treibt. Nach rechts hin Dunkel und Leben. Aus dem Grunde herauf
und bis an die Höhe des Dammes, beinahe greifbar für unsere Hände, steigen die
ältesten Eichen, und während sich die Stämme in Schatten und Waldesnacht
verlieren, blitzt die Sonne über die grünen Kronen hin. Allerhand Schmetterlinge
wiegen sich auf und nieder, und die Vögel singen in einer Herzlichkeit, als wäre
dies das Tal des Lebens und nie ein Falk oder Weih über den Gamen-Grund
dahingezogen. In der Ferne Kuckuckruf. Und ein blauer Himmel über dem Ganzen.
Die Westhälfte des »Blumenthals« ist der landschaftlich schönere Teil, aber die
Osthälfte ist reicher an Sage und Geschichte. Wir wandern dieser anderen Hälfte
zu. Der Wald hat uns bis an ein Vorwerk begleitet, dessen Stall- und
Wirtschaftsgebäude bis hart an die Chaussee treten. Jenseits derselben fängt der
Wald wieder an. Dies ist die Stelle, die wir suchen. Der Weg über den Hof hin
wird uns auf Ansuchen freundlich gestattet, und hinaustretend in die halb
bebauten, halb brachliegenden Felder, halten wir, einige hundert Schritte weiter
abwärts, vor einem mit Steinmassen überdeckten Terrain. Dies Steinfeld ist die
sogenannte »Stadtstelle«.
Hier stand vor 500 Jahren das Städtchen Blumenthal, das seitdem dem ganzen Walde
den Namen gegeben hat.
Die ältesten Nachrichten reichen bis auf 1375 zurück, und das Landbuch der Mark
Brandenburg führt »Blumendal« noch unter den Ortschaften des Landes Barnim auf.
Der Umstand aber, daß nur das Areal des Städtchens angegeben und weder von
Abgaben noch Hofediensten gesprochen wird, spricht dafür, dass die Feldmark
bereits wüst und wertlos zu werden begann. Die Trefflichkeit der Äcker macht es
zwar wahrscheinlich, dass im Laufe der nächsten Zeit noch Versuche gemacht
worden sind, die wüst gewordenen Höfe neu zu besetzen, aber diese Versuche
mussten notwendig scheitern. 1348 war das große Sterben gewesen; fünfzig Jahre
später, als neue Kolonisten mutmaßlich eben anfingen, dem toten Ort ein neues
Leben zu geben, fielen die Pommern ins Land, und wieder dreißig Jahre später
ging der Hussitenzug mit Mord und Brand über »den Blumenthal« hin. In achtzig
Jahren die Pest, die Pommern und die Hussiten – das war zuviel. Ein Fluch schien
über den Ort ausgesprochen zu sein; er war nun wirklich tot, und das Mauerwerk
zerfiel. Der Wald mit Eichen und Schlingkraut zog in die offenen Tore ein, die
Malinekens rankten und blühten über Steintrog und Brunnen hinweg, und eh ein
Jahrhundert um war, war es ein unheimlicher Ort, eine »verwunschene Stelle«.
Jeder mied sie. Wie es Seen und Seestellen gibt, wo die Fischer nicht fischen,
weil sie fürchten, dass eine Hand aus der Tiefe fahren und sie herniederzerren
wird, so berührte kein Jäger die Stelle, wo die alte Stadt gestanden hatte.
Rundum tobte die Jagd, die Kurfürsten selbst erschienen mit »Hund und Horn«,
aber vorüber an der Stadtstelle ging ihr Zug. Und waren Kinder beim
Himbeersuchen unerwartet unter das alte Mauerwerk geraten, so befiel sie's
plötzlich wie bittere Todesangst, und sie flohen blindlings durch Gestrüpp und
Dorn, bis sie zitternd und atemlos einen sicheren Außenplatz erreichten. Was gab
es da nicht alles zu erzählen! Und so wuchs die Sage und zog immer festere
Kreise um die »Stadt im Wald«. Selbst das Wild blieb aus, und nur Keiler und
Bache hatten ihre Tummelplätze hier. An den tief gelegenen Stellen des alten
Marktplatzes, wo aus moderndem Eichenlaub und sickerndem Quellwasser sich
Sumpflandstücke gebildet hatten, kamen die Wildschweinsherden aus dem ganzen
»Blumenthal« zusammen, und wenn sie dann in Mondscheinnächten ihre Feste
feierten, klang ihr unheimliches Getöse bis weit in den Wald hinein und mehrte
die Schauer des Orts.
So vergingen Jahrhunderte. Die Eichen wurden immer höher, das Gestrüpp immer
dichter – die »alte Stadt« schien verschwunden. Nur um die Winterzeit, wenn
alles kahl stand, wurde das Mauerwerk sichtbar. Aber niemand war, der dessen
geachtet hätte. Es waren die Zeiten des Dreißigjährigen Krieges! So viele Dorf-
und Stadtstellen lagen wüst, so viele neue Herde waren zerstört; wer hätte Lust
und Zeit gehabt, sich um alte, halbvergessene Zerstörung zu kümmern?
So kam das Jahr 1689, und mit diesem Jahre tritt die »alte Stadt«, die bis 1375
ein Stück wirklicher Geschichte gehabt hatte, wieder ins Leben ein. Man kümmert
sich wieder um sie. 1689 besuchte sie Bürgermeister Grüvel aus Kremmen und fand
noch Feldsteinmauern, die den Boden in Mannshöhe überragten. Von da ab folgten
weitere Besucher in immer kürzeren Zwischenräumen: Bekmann um 1750, Bernouilli
um 1777. Beide fanden Mauerreste und hielten sie für die Überbleibsel einer
alten Stadt. Noch andere Reisende kamen. Aber ausführlichere Mitteilungen
gelangten erst wieder zur Kenntnis des Publikums, als im Jahre 1843 der
Geistliche des benachbarten Dorfes Prötzel einen auf genaue Forschung
gegründeten Bericht veröffentlichte. In diesem heißt es: »Die merkwürdige
Stadtstelle Blumenthal ist unstreitig1) in alten Zeiten ein menschlicher Wohnort
gewesen. Man sieht noch jetzt Spuren von Feldsteinmauern. Vor einigen Jahren
sind von den Waldarbeitern mehrere Werkzeuge, Hämmer, Sporen und dergleichen,
gefunden worden, die, den Kindern dann zum Spielen gegeben, leider wieder
verlorengegangen sind. Kalk wird noch jetzt dort gefunden. Die Stadt soll von
den Hussiten auf ihrem Zuge nach Bernau zerstört worden sein. Einige meinen, daß
die Zerstörung älter sei. Der große platte Stein innerhalb der ›Stadtstelle‹,
der sogenannte Mark- oder Marktstein, ist vielleicht ein Denkmal aus der
heidnischen Zeit. Es ist nicht undenkbar, daß hier, mitten im Urwalde, schon die
Semnonen einen Volksversammlungsplatz oder eine Opferstätte hatten und daß die
Städtebauer einer späteren Epoche den heidnischen Opferstein einfach
liegenließen, wo er lag, weil es unmöglich war, ihn fortzuschaffen. Dieser
Markstein wird hier auch noch liegen, wenn von den Feldsteinmauern ringsumher
längst die letzte Spur verschwunden ist. Sollen diese Spuren aber vorläufig noch
gewahrt werden, so ist es die höchste Zeit. Schon hat die Pflugschar ganze
Strecken der ›Stadtstelle‹ in Äcker umgewandelt, und der Eichenwald ist hin, der
diese Stelle so lang in seinen Schutz genommen.«
Soweit der Bericht von 1843. Ich suche nun in nachstehendem zu schildern, wie
ich zwanzig Jahre später die Stadtstelle gefunden habe.
Von einem Wasserpfuhl, der sogenannten »Suhle«, aus gesehn, hat man nach Osten
hin ein wellenförmiges, hier und da bebautes Stück Land vor sich, das an
einzelnen Stellen von aufgetürmten, sehr niedrigen Steinmauern eingefaßt, an
anderen Stellen wie mit großen Feldsteinen besäet ist. Wer viel in der Mark
gereist ist, dem fallen diese Feldsteine nicht auf, die hier einfach um des
Ackers willen beiseite geworfen oder sozusagen an den Tellerrand gelegt
erscheinen. Und so nähert man sich der Umwallung in der vollen Überzeugung, daß
Klöden recht gehabt habe, als er die Existenz einer Stadtstelle bestritt. Aber
dieser Eindruck ist nicht von Dauer. Unser kundiger Führer führt uns an ein
Gestrüpp von Elsbusch und Brombeerstrauch und sagt dann, auf eine Steinlinie
zeigend, die kaum fußhoch aus der Erde hervorragt: »Dies ist die Kirche.« Wir
antworten zunächst mit einem halb verlegenen Lächeln. »Hier können Sie den Kalk
sehen«, fährt er fort, ein Stück Mörtel aus den Fugen losstoßend, und indem wir
uns nunmehr niederbeugen und das Kalkstück in die Hand nehmen, erkennen wir mit
denkbar größter Bestimmtheit, daß wir hier nicht eine aufgeschüttete
Einfriedigung, sondern ein in die Tiefe gehendes, gemauertes Fundament vor uns
haben. Auf einen Schlag sind wir überführt. Wir verfolgen nun die Steinlinie,
kommen an einen Eckstein, endlich an einen zweiten und dritten und überblicken
das Oblong. Alle Zweifel sind geschwunden, und wir sehen klärlich, daß hier ein
Gebäude gestanden hat. Die Fundamente liegen da. Ob Kirche oder Rathaus, ist
gleichgültig. Höchstwahrscheinlich eine Kirche.
Unser Führer erkennt sehr wohl die Umwandlung, die mit uns vorgegangen. »Ich
werde Sie nun zu dem großen Brunnen führen«, murmelt er gleichgültig vor sich
hin, aber mit erkünsteltem Gleichmut, denn diese »Stadtstelle« ist sein Stolz.
Und inmitten eines Stück Roggenlandes, dessen Halme kaum erst handhoch aus der
Erde ragen, stehen wir alsbald vor einem jener Ziehbrunnen, wie wir ihnen noch
jetzt in unsren Dorfgassen begegnen. Wir sehen eine Rundung von fünf bis sechs
Fuß Durchmesser, die Rundung selbst mit Feldsteinen ausgemauert und die mit
Geröll locker zugeworfene Höhlung noch immer über fünf Fuß tief. Auf unsere
Fragen erfahren wir, daß vor einem Menschenalter alle diese Dinge noch viel
erkennbarer waren: das Mauerwerk der Kirche ragte noch mannshoch auf, die
Brunnenhöhlung war noch gegen funfzehn Fuß tief, und der Mantel des Brunnens
erwies sich noch deutlich als eine Art Lehmzylinder, in dem die Steine
kreisförmig übereinandersteckten.
Wir schreiten von der »Brunnenstelle« zu der benachbarten »Backofenstelle«. Sie
liegt im Roggenland und gibt sich zunächst durch nichts Besonderes zu erkennen.
Halme stehen jetzt dicht umher. Erst bei genauerer Einsicht gewahren wir, daß
sich mitten in dem schwarzbraunen Boden eine kreisrunde Lehmstelle von etwa
Backofendurchmesser scharf markiert.
Von hier aus geht es weiter zum »Markstein«, der bis diesen Tag von einer alten
Eiche überschattet wird. Aber sie gehört doch nur dem Nachwuchs an, der, als die
Stadt zerstört war, durch die offenen Tore hier einrückte. Die wirklich alte
Eichengeneration, die zu Lebzeiten der Stadt den Marktplatz einfaßte und
beschattete, ist hin und zeigt nur noch an einzelnen Wurzelstubben, wes Schlages
und Umfanges sie war.
Weit mehr indes als diese Wurzelstubben von kolossalem Durchmesser ist der
Markstein selbst eine Sehenswürdigkeit. Es ist derselbe, über den wir schon
weiter oben berichtet haben. Er mißt etwa acht Fuß im Quadrat, geht über
vierzehn Fuß in die Tiefe und ragt nur wenig aus dem Erdreich hervor. Natürlich
hat ihn nicht Menschenhand hierher gelegt, und die Annahme hat nichts
Gezwungenes, daß er ein Opferstein der Ureinwohner war. Auf diesem Stein zu
schlafen müßte mindestens ebenso unheimlich wie unbequem sein.
Und von diesem an höchster Stelle gelegenen »Markstein« aus haben wir jetzt,
nach vorgängiger Kenntnisnahme der Einzelnheiten, alles in der Klarheit einer
Reliefkarte vor uns. Wir erkennen deutlich die Mauer, die Tore, die Hauptstraße,
die Kirche, die einzelnen Häuser und Gehöfte, und ungerufen wie eine Vision
steigt die alte Stadt aus ihrem Grabe wieder vor uns auf. Gewiß ist das Bild,
das wir uns von ihr machen, ein vielfach falsches; aber es sind dieselben Fehler
nur, wie wenn wir uns, mit Hülfe eines Plans, eine Stadt im Geiste aufbauen. Die
Dinge selbst sind nicht richtig, aber wir geben den Dingen ihren richtigen
Platz.
Unten am Hügelabhang, in Nähe der »Suhle«, blickten wir noch einmal auf das
Steinfeld zurück, das nicht länger ein Chaos für uns war. Dann erst trennten wir
uns zögernd von einer Stelle, über der ein ganz besonderer Zauber waltet. Die
Natur wuchs hier einst wild in eine Stätte der Kultur hinein und wucherte darin;
nun hat eine andere Kultur den Wald gefällt und breitet ihre Saaten darin aus.
Städtisches Leben von ehemals und Ackerbau von heut reichen sich über einem
vierhundertjährigen Wald-Interregnum die Hand.
Aber an Unheimlichem fehlt es noch immer nicht. Das Wildschwein hat es nicht
vergessen, daß jahrhundertelang ihm diese Stelle gehörte, und in Sommernächten,
wenn der Rapsduft vom Felde her in den Wald zieht, dann bricht es in sein altes
Revier ein, erst in die »Suhle«, dann in die Saat, und tritt nieder und wirbelt
auf. Wer dann im »Blumenthal« seines Weges kommt, der hört ein Lärmen und
Johlen, ein Grunzen und Quietschen wie in alter Zeit, und er weiß nicht, ist es
ein Hexensabbat oder die Wilde Jagd.
1) Dies »unstreitig« bezieht sich auf Klöden, der in seinen Auslassungen über
die »Stadtstelle« bestreitet, dass hier eine Stadt gestanden habe. Klöden nimmt
an, dass es eine heidnische Begräbnisstätte gewesen sei, und findet in den
Steinreihen nichts als eine Art Feldsteinumzäunung oder Einfriedigung dieser
Stätte. Er irrt darin ganz unbedingt. Hätte er die Stelle gesehen, wie sie jetzt
daliegt, so hätte er sich auf den flüchtigsten Blick von seinem Irrtum
überzeugen müssen.
Östlich des Gamensees liegt heute das wildromantische Blumenthal. Es handelt
sich um ein großes zusammenhängendes Waldgebiet, dass von zahlreichen Rinnen
eines Stauchmoränengebietes durchzogen ist und wo sich auch die höchste
Erhebungen des Barnim, die Langen Berge (152 m), befinden.
Der Blumenthal ist ein beliebtes und sehr reizvolles Wandergebiet, welches auch
an seltenen Pflanzen und Tieren eine Menge zu bieten hat und besonders durch den
Dichterpfarrer Schmidt und durch Fontane, der das Gebiet 1861 besucht hatte,
weit bekannt wurde..
Der Name Blumenthal selber ist wohl zurückzuführen auf das vielfältige Blühen
eines artenreichen Blumenbestandes, "als wolle es der Wald immer wieder
beweisen: ich bin der Blumenthal" (Theodor Fontane). Sowohl die Pflanzen- als
auch die Tierwelt dieses Gebietes sind bemerkenswert und laden zu reizvollen
Wanderungen ein.
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