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Es war im Juli 1945.
Drei
Wochen waren wir schon ziellos unterwegs. Fragen an die Bewacher wurden
mit hämischen ,Sibier' beantwortet. Bis zur Oder hatten wir diesen so
genannten Begleitschutz, eine neu gegründete polnische Miliz, nicht
uniformiert, die überwachten, dass alle Bewohner, östlich der Oder, über
die Oder getrieben wurden. Wir überquerten, in sehr morastigen Sumpf bei
Reitwein, über eine provisorische Brücke die Oder. Bei diesem
Durcheinander zersplitterte sich unsere Dorfgemeinde. Irgendwie war man
jetzt nur unter fremdem Menschen. Jeder auf sich gestellt. Wir waren schon
sehr geschwächt und auch orientierungslos. Dazu regnete es schon 14 Tage.
Völlig durchnässt sahen wir in der Nähe von Jahnsfeede einen Strohschober.
Da zeigte sich endlich die Sonne.
Mutter meinte, dort können wir unsere Kleidung trocknen und auch ausruhen.
Erschöpft breiteten wir unsere Mäntel aus, ich legte mich aber auf meinen
Mantel. Wir schliefen ein, am helllichten Tage. Nach geraumer Zeit schrie
unsere Tante Hulda: "Unsere Mäntel sind weg!" Nicht nur die zwei Mäntel,
auch unser letztes Brot, das wir weise eingeteilt hatten, und noch andere
Habseligkeiten' fehlten. So hatten wir kaum noch Gepäck und schlössen uns
dem ziehenden Volk an.
Jetzt war sich ein jeder der Nächste. Wir erreichten Müncheberg, völlig
zerstört, bei jedem Wegweiser fragten wir uns: „Wie gehen wir weiter?" Wir
schlugen die Richtung nach Prötzel ein. Endloser Wald, ich glaubte, dieser
endet nie. Wir fanden Blaubeeren. Da sahen wir tief im Tal einen
wunderschönen See.(Den Gamensee) Da reinigten
wir uns, so gut es ging und zogen erschöpft weiter. Endlich eine
Ortschaft: Tiefensee,
doch dieses Dorf heillos überfüllt. Überall kauerten Flüchtlinge. „Weiter,
weiter, es ist hier kein Platz mehr". Dann erreichten wir Freudenberg,
Beiersdorf,
Schönfeld. Der
Bürgermeister von Schönfeld
schrie uns an: „Macht, dass ihr weiter kommt!" Ich hörte alles wie von
Ferne - wir waren schon am Ausgang des Dorfes, da wurde ich ohnmächtig.
Meine Mutti beugte sich voller Schmerz über mich und war verzweifelt. Da
hielt ein russisches Fahrzeug, ein russischer Offizier hob mich auf und
legte mich auf seinen Wagen. Er deutete meiner Mutter und meiner Tante an,
ihm zu folgen. In der Mitte des Dorfes
Schönfeld hielt er vor einem
zerschossenen Haus und sah sich dort um. Ein Raum, ohne Tür, wurde unsere
vorläufige Bleibe. Der russische Kraftfahrer organisierte Stroh, und der
Offizier gab uns eine graue Decke. Der Soldat brachte uns Milch und Brot.
Am nächsten Tag kam der Offizier wieder und da ich hohes Fieber hatte,
brachte er mich nach Werneuchen in die
Typhusbaracke. Meiner Mutter stellte er eine Bescheinigung aus,
dass sie sich täglich einen Liter Milch von der Kommandantur (Schönfeld)
holen dürfe. Diesen Liter Milch brachte sie mir jeden Tag nach Werneuchen.
Es waren hin und zurück 11 km. Wie viel Kraft ist in einem Mutterherz,
wenn es um das letzte noch Verbliebene kämpft. Diese Flasche Milch,
täglich, ließen mich gesunden. Meine schriftlichen Fieberphantasien gingen
im Laufe der Jahre verloren. Meine Mutter glaubte, ich würde in der
Nervenheilanstalt enden. Diese
Typhusbaracke hatte mich völlig verändert. Ich erlebte das
große Sterben. Es gab keine Medikamente, keine ärztliche Betreuung. Es war
wie ein Wunder, dass ich alles überlebte. Doch sehr oft denke ich, welch
erbarmungsvolles Bild wir wohl abgegeben haben, dass sich dieser russische
Offizier unserer erbarmte und uns half und rettete. Dankbar denke ich an
ihn und wir konnten uns bei ihm nicht einmal bedanken.
Wir beteten für ihn, dass er heil zu seiner Familie
heimkäme...
Thea und ihre Mutter im Jahre 1960. |