Offiziell benutzt die Polizei den Begriff nicht. Doch die Beamten machen sich keine Illusionen mehr: In Berlin und Brandenburg ist ein "Rockerkrieg" ausgebrochen. Erst am Sonnabend gab es in Cottbus eine Schießerei zwischen Berliner und Brandenburger Rockern, ein 27-Jähriger wurde durch Schüsse lebensgefährlich verletzt. Als Reaktion darauf fuhren Polizisten noch am selben Abend vor mehreren Vereinsheimen Berliner Motorradclubs vor und kontrollierten die Mitglieder. "Hintergrund sind Auseinandersetzungen im kriminellen Motorrad-Rocker-Milieu, besonders zwischen den verfeindeten Hells Angels und den Bandidos", teilte ein Polizeisprecher mit. Mehr sagte er nicht.Die Schießerei in Cottbus zeugt von einem offenen Konflikt zwischen den Hells Angels und den Bandidos, der immer brutaler ausgetragen wird. Die verfeindeten Clubs streiten zurzeit um ihre Einflussgebiete in Berlin und Brandenburg .
Aus diesem Grund wollten sich schon im vergangenen November Hells Angels mit Bandidos in Cottbus prügeln. 130 Rocker hatten sich versammelt, als sie von Berliner Polizisten gestoppt wurden. Allein bei den Bandidos fanden die Beamten damals 219 Waffen: Messer, Macheten, Ketten und Baseballschläger. Auch in Berlin waren in den letzten Jahren immer wieder Bandidos mit Hells Angels aneinander geraten. So prügelten sich im Mai 2006 Hells Angels und Bandidos mitten auf der Stadtautobahn in Charlottenburg. Kurz darauf beschoss man sich in Moabit.
Für die Zukunft befürchtet die Polizei noch mehr blutige Auseinandersetzungen, als es ohnehin schon gibt. Seit einiger Zeit beobachtet sie, dass es Berliner Clubs wie Hells Angels und Bandidos nach Brandenburg zieht. In den vergangenen Jahren schlossen sich dort Mitglieder des MC Gremium den Bandidos an. Hells Angels sollen Immobilien in Altlandsberg und Werneuchen erworben haben. Die Bandidos gründeten in Hohen Neuendorf ein neues Chapter. Sie sehen nach Beobachtung der Brandenburger Polizei neuerdings Lauchhammer als Heimat. Inzwischen schätzt die Polizei die Zahl der Rocker in Brandenburg auf über 400.
Die Polizei glaubt, dass die Expansion nach Brandenburg auch mit dem Verfolgungsdruck zu tun hat. Aber niemand glaubt, dass die großen Clubs deshalb Berlin ganz verlassen. Im Gegenteil: Die Hells Angels eröffneten gerade ein zweites Domizil in Charlottenburg. Dennoch sind die Reviere in Berlin fürs Erste klar: "Der Norden gehört den Bandidos", sagt ein Polizist.
Rocker sind in den Augen der Polizei alles andere als Männer, die sich ausschließlich Motorrädern, Bier und schönen Frauen verschrieben haben. Sie sind der Polizei verhasst - und sei es nur, weil sie bei Kolonnenfahrten rote Ampeln ignorieren, während "road blocker", die aus der Kolonne ausscheren, die Kreuzung für den Konvoi freihalten.
Doch es sind nicht die Verkehrssünden, weshalb die Polizei immer wieder zu Razzien und Einsätzen ausrückt. "Die großen Clubs haben eine kriminelle Ausrichtung mit Verbindungen zur organisierten Kriminalität", sagt ein Berliner Ermittler. Mitglieder dieser Clubs sollen mit Drogengeschäften, dem Rotlichtmilieu und Schutzgelderpressung zu tun haben. Es geht aber auch um das Abstecken von Einflussgebieten. In Territorien, wo die eine Gruppe "herrscht", bestimmen ihre Mitglieder zum Beispiel über die Türsteherszene in Diskotheken - wer in welche Lokale reinkommt, wer mit wem seine Geschäfte abwickeln darf. Es geht dabei stets um Geld.
Die Rockerclubs weisen dagegen eine Beteiligung an Kriminalität zurück. Wer zum Beispiel mit Drogen handelt, fliege raus, heißt es. Für Rocker zählten allein Ehre, Achtung, Kameradschaft und die Liebe zum Bike, argumentieren sie.
Tatsächlich gibt es über die kriminelle Energie in den Clubs in den Landeskriminalämtern Berlins und Brandenburgs unterschiedliche Meinungen. "Es ist völlig falsch, in jedem Motorradfahrer automatisch einen potenziellen Kriminellen zu sehen", heißt es etwa aus dem LKA Eberswalde.
In Berlin ist man da anderer Ansicht. Ermittler bezeichnen die Rockerclubs gar als "Kriminelle auf Rädern". Allein bei den deutschen Hells Angels sind laut einer Untersuchung von Europol 56 Prozent vorbestraft. Die Zahl der Polizeibekannten sei noch viel höher. Dass die Vereine noch nicht verboten sind, liegt an rechtlichen Hürden: Man müsste nachweisen, dass sie eigens dafür gegründet wurden, Straftaten zu begehen, doch das ist schwer. Die Hells Angels etwa wurden kurz nach dem Zweiten Weltkrieg von ehemaligen Air-Force-Piloten gegründet, mit dem Ziel, Motorrad zu fahren und Kameradschaft zu pflegen.
Aus dieser Tradition heraus sind Konflikte Einzelner stets auch Konflikte der Gruppe. Nicht immer geht es dabei um Einfluss, sondern mitunter auch um Ehre. So vereitelte im Mai 2005 die Polizei eine Massenschlägerei. Der Auslöser: Ein Bandido hatte einem Red Devil die Weste geklaut.
Einfluss, Ehre und Gebietsansprüche
Drei große Rockergruppen, die jeweils mehrere Unterstützerclubs haben, gibt es in Berlin. Die Polizei schätzt die Zahl der Mitglieder auf 400 bis 500. Hinzu kommen 700 bis 800 Rocker im Umfeld der Clubs.
Die Hells Angels wurden 1947 in den USA gegründet und sind international organisiert. Im Gegensatz zu anderen Motorradclubs (MC), die ihre Abteilungen als "Chapter" nennen, sprechen die Hells Angels vom "Charter". Der Berliner wurde 1990 gegründet. In Berlin haben die Hells Angels und die Untergruppe Nomads ein Klubhaus in der Greifswalder Straße und am Spandauer Damm. Zu den Hells Angels gehören auch die Red Devils sowie die Bulldozer.
Bandidos nennt sich ein zweiter Club. Die "Banditen" sind befreundet mit den Chicanos. Vereinshäuser finden sich in der Quickborner Straße und der Residenzstraße.
MC Gremium wurde 1972 in Mannheim gegründet und ist der größte deutsche MC. Er hat über 100 Chapter in Deutschland und Europa. Nach der Wende expandierte er nach Brandenburg.
Die Mitglieder eines MC verstehen sich als "Brüder" und fühlen sich einander stark verpflichtet. Restriktiv sind daher die Aufnahmeverfahren. Die Clubs verlangen eine Anwartschaft über mehrere Jahre. Anwärter werden als Hangaround bezeichnet und allenfalls geduldet. Aus ihnen rekrutieren sich die "ernsthaften" Anwärter auf eine Mitgliedschaft, die als Prospect bezeichnet werden. Diese Anwartschaft kann wieder Jahre betragen. Solange sind sie dem Club zu jeglicher Unterstützung verpflichtet.
Die Kutte - so wird die Lederweste mit dem Clubsymbol und den -farben genannt, ist eine Art Heiligtum des Rockers. Niemand darf sie anfassen. Oft ist sie auch Eigentum des Clubs.
Feindschaft hat zwischen Hells Angels und Bandidos Tradition. So lieferten sie sich in den 90ern in Skandinavien einen blutigen Kampf mit 14 Toten. Oft geht es um Einfluss, Ehre und Gebietsansprüche. Das Durchfahren eines beanspruchten Gebiets kann für das Mitglied eines fremden Clubs gefährlich sein. Es wird gezwungen seine Weste mit dem Emblem seines Clubs auszuziehen.
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"Die Rockerclubs sind Kriminelle auf Rädern." Ein Polizist