vom 23.6.2008

DIE BRANDEN-BÜRGER

"Gras wächst. Kuh frisst Gras ..."

TV-Moderator Dieter Moor und seine Frau Sonja züchten auf ihrem Biobauernhof auch Wasserbüffel

Martin Klesmann
HIRSCHFELDE. Die "arschlochfreie Zone" liegt nordöstlich von Berlin, in einem kleinen Dorf namens Hirschfelde. Hier haben sich der TV-Moderator Dieter Moor und seine Frau Sonja vor ein paar Jahren einen Bauernhof samt Weideland gekauft. Gleich hinter dem Dorfteich auf dem Besitz der Moors beginnt die "arschlochfreie Zone". "Kurz AFZ genannt", erklärt Dieter Moor am Küchentisch seines Bauernhaus aus rotem Ziegel. Leute, die sich schäbig verhalten, kommen hier nicht mehr rein, sagt Dieter Moor, der Mann mit dem Vierkantschädel und der markanten Bassstimme. "Auch wenn das vielleicht ein bisschen arrogant klingt". Dann zündet er sich eine weitere Zigarette an. Dieter Moor trägt ein weißes Feinripp-Shirt und ist barfuß. Drei große schwarze Hunde schwänzeln um den Küchentisch.

Draußen auf den Weiden, die bis zum still gelegten Flugplatz Werneuchen reichen, grasen helle Galloway-Rinder und dunkle Wasserbüffel mit geschwungenen Hörnern. Träge trotten die Tiere über das Gras. Sonja Moor, die gebürtige Wienerin, gibt ihnen einen Klaps. Sie hat Kosenamen für jedes Tier. "Wir haben keine hochgezüchteten Leistungsrinder auf der Weide stehen", sagt Sonja Moor. Ganz natürlich sollen die Rinder aufwachsen und gleichzeitig soll auch das Acker- und Weideland wieder fruchtbarer werden. Man kooperiert mit polnischen Ökobauern im Nationalpark Warthe-Mündung Sonja Moor macht das meiste allein. Um Schafe und Esel muss sie sich auch noch kümmern.

Dieter Moor muss immer mal wieder weg - er moderiert das wöchentliche Kulturmagazin "ttt" in der ARD und tritt auch in anderen Fernsehsendungen auf. "Er muss das Heu machen", sagt Sonja Moor. Und meint Geld damit. Doch sie hat genug Helfer, die kommen, wenn mal eine Scheune gebaut werden muss. Denn hinter dem Begriff AFZ verbirgt sich nicht nur die "arschlochfreie Zone". Das Kürzel steht eigentlich für den "Verein Alternativen für die Zukunft". Die Anhänger dieses Vereines unterstützen laut Satzung "verantwortungsvolle Projekte für Menschen, Tiere und Umwelt". Die Rinder gehören dem Verein. Es ist keine orthodoxe Öko-Sekte, hier in Hirschfelde arbeiten neben dem örtlichen Polizeihauptkommissar auch Leute wie die TV-Moderatorin Ulla Kock am Brink oder die Schriftstellerin Elke Heidenreich mit. Selbst der Berliner Bildungssenator Jürgen Zöllner war mal beim Einsatz dabei.

Sonja Moor arbeitete früher in der Filmbrache. Jetzt trägt sie eine kurze Hose und klobige Treter, die Beine sind von der Feldarbeit an manchen Stellen aufgeschürft. Sie fährt mit ihrem Jeep über den staubigen Feldweg und erklärt, wie man die völlig ausgelaugte, einstige LPG-Fläche nun wieder aufpeppt. Dazu pflanzen die Moors auch Hecken an, um die Bodenerosion zu verhindern. Künftig will sie mit dem Verein auch Berliner Kindern die Natur näher bringen. Es sei vielen heute nicht mehr klar, dass Klee nicht zwangsläufig vier Blätter hat und Möhren in der Erde wachsen. Im Dorf möchte Sonja Moor auch irgendwann eine Schlachterei einrichten. Um von Hirschfelde aus mit frischem Wasserbüffel-Fleisch den Berliner Markt zu erobern.

Zurück im Bauernhaus, gibt es Latte Macchiato. Wie sind denn die Moors, die lange mitten in Wien und Hamburg gelebt haben, überhaupt hierher gekommen? "Dieter hat 2001 hier in der Region gedreht und hat dann gesagt, wir müssen nach Berlin", sagt Sonja Moor. Sie selbst ist ein paar Monate später gleich nach Berlin-Mitte gezogen, in die Alte Schönhauser Straße. In Berlin hat sie die Dependance einer Schweizer Medienfirma aufgebaut. "In Mitte stand ich jeden Montagmorgen bis zu den Knöcheln in leeren Bierflaschen."

Die Tiere waren noch auf dem Hof in der Schweiz. "Wir haben unsere Esel angeguckt und haben gesagt, die Stadt muss es nicht mehr sein", sagt Sonja Moor. Lange haben sie dann nach einem passenden Hof gesucht. In einer Stunde sollte man in Berlin-Mitte sein. So fanden sie Hirschfelde.

"Das Dorf ist intakt", sagt Sonja Moor und zündet sich eine Zigarette an. Das sehe man schon an der zentralen Glas- und Altpapiersammelstelle. Einem Dorf gehe es gut, wenn es dort einigermaßen sauber sei. Und doch sei in Hirschfelde längst nichts fertig. Das alte Gutshaus steht leer, im Park kann man noch viel tun und ein Ortszentrum muss auch erst wieder geschaffen werden. In Brandenburg könne man noch seinen Platz finden. Die Moors sagen, dass sie schnell Gefallen gefunden hätten an Brandenburg. "Das ist ein Land der Tat", sagt Sonja Moor. "Hier wird nicht lange gelabert und geplant, hier musst du etwas tun." Sie bewundere die Menschen. "Die sind doch im vergangenen Jahrhundert zig Mal über den Tisch gezogen worden" sagt Sonja Moor. Krieg, Neubauernstelle, Kollektivierung in der LPG und die Wirrungen der Nachwendezeit. Immer harte Arbeit. Manche in der Landwirtschaft seien auch traumatisiert, sagt Dieter Moor und erinnert an einen Tierarzt, der früher in der riesigen Schweinemästerei Ferkel am laufenden Band kastrieren musste. Nur eines vermisse sie hier manchmal, sagt Sonja Moor. "Eine gewisse Alltagshöflichkeit." Grüßen, freundlich sein. Sie ist halt aus Wien. Dieter Moor hingegen ist bei Zürich auf einem Bauernhof aufgewachsen. Er sagt, Brandenburg sei ihm nicht wirklich fremd vorgekommen. "Landwirtschaftlich machen wir das jetzt hier so, wie ich es noch aus meiner Jugend kenne." Alles müsse sich selbst regenerieren: "Kuh frisst Gras, Kuh scheißt auf's Gras, Gras hat Dünger, Gras wächst, Kuh frisst Gras." Es sieht so aus, als würden die Moors auf Dauer Brandenburger bleiben.

Die Brandenbürger sind Macher, Leute verschiedenster Herkunft und Berufe, die mit pfiffigen Ideen, Bürgersinn, Heimatverbundenheit oder auch nur auf ungewöhnliche Weise etwas für die Region und ihre Menschen tun. Jeden Montag stellen wir einen von ihnen in unserer Serie vor.

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Foto: Sonja Moor muss sich in Hirschfelde oft alleine um die Tiere auf der Weide kümmern.

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Foto: Ehemann und Fernsehmoderator Dieter Moor ist viel unterwegs.