Das Unwetter vom 10.07.2002

 
 
Es gibt Tage, die ganz besonders in Erinnerung bleiben. Einzigartige Ereignissen und schreckliche Unglücke, die schwerwiegende Folgen für Mensch und Natur haben. In Berlin und Brandenburg kam es am 10.07.2002 zu einem der schwersten Unwetter seit Jahrzehnten. Bis in die Abendstunden war es ein drückend heißer Sommertag mit Temperaturen weit über 30 Grad gewesen. Gegen 19.20 näherte sich von Süd-Westen eine Kaltfront mit einer voraus ziehenden Gewitterfront. Die Temperatur fiel binnen Minuten von 31 auf 20ºC. Es kam zu einem Hagelschlag mit Hagelkörnern von bis zu 22 mm Durchmesser. Die Sturmböen erreichten Orkanstärke. Hunderte Menschen wurden bei Unfällen verletzt, sieben Menschen verloren im Raum Berlin und Brandenburg in dieser Nacht ihr Leben. Das tragischste Unglück ereignete sich auf einem Jugendzeltplatz auf der Berliner Wannsee-Insel Schwanenwerder. Zwei Jungen wurden von umgestürzten Bäumen erschlagen. Nach einer ersten Bilanz stürzten alleine in Berlin bis Mitternacht fast 1.150 Bäume um. Ein Flugzeug musste in Werneuchen östlich Berlins notlanden. Das Propeller-Flugzeug wurde dabei schwer beschädigt.

Es war Realität am Abend des 10. Juli 2002 am Himmel über der Bundesrepublik Deutschland und fand sein Finale auf der Piste von EDBW:

Flug LX-850 der SWISS-Crossair dauerte bereits 70 Minuten zu lange. Nur 85 Minuten insgesamt hätte sie Saab-2000 mit dem Kennzeichen HB-IZY auf der Strecke von Basel nach Hamburg unterwegs sein sollen. Sie irrte aber schon zweieinhalb Stunden mit wechselnden Zielen umher. Drei Verkehrsflughäfen hatten sie abgewiesen. Lange konnten der 33-jährige Kapitän und sein 28-jähriger Co die zweimotorige Turboprop nicht mehr in der Luft halten können. In der Kabine hinter ihnen 16 irritierte Passagiere, fest angeschnallt und betreut von zwei Stewardessen.


Fahrlässige Schlampigkeit bei Piloten, Flugzeug- wie Flugplatzhalter und Luftfahrtbehörden wirkten ursächlich zusammen.

Der 50-sitzige schnittige Regioliner befand sich inzwischen über der Mark Brandenburg, hart an der Grenze zu Polen. Auf der Flucht vor dem Sturmtief ”Anita”, das eine 12 Kilometer hohe schwarze Gewitterwand aufgebaut hatte. Auf der Suche nach einem sichern Landeplatz franste die Saab-2000 östlich von Berlin am Rande des Oderbruchs entlang. Tegel hatte Landeerlaubnis erteilt.

Gegen 20.30 Uhr aber machten auch die drei Berliner Flughäfen dicht. Nichts ging mehr. Über Berlin tobte der Orkan und der Kraftstoff der Saab-2000 ging zur Neige. ”Wir haben nur noch für wenige Minuten Sprit”, funkte der Pilot zu diesem Zeitpunkt mit Dringlichkeit an die Flugsicherung.

Darum wurde als Landeplatz jetzt Werneuchen vorgeschlagen. Er liegt wenige Kilometer östlich vom Final Approach Fix für die 26 von Berlin-Tegel. Piloten, die TXL von Osten her anfliegen, sehen beim Einschwenken auf den Glide Slope die langen Betonbahnen dieser alten Kampfbasis rechts unter sich neben einem kleinen Ort auf der Hochfläche des Barnim liegen.

Dorthin wurde die Saab-2000 mit Radar-Unterstützung durch ATC Berlin gelotst. Bis Sunset war es noch eine halbe Stunde. In Werneuchen war bis dahin kein Tropfen Regen gefallen. Der Pilot sah im Zwielicht der von Westen heranbrausenden Front aus seiner inzwischen eingenommenen Höhe von 3.500 feet die noch von den Russen gemalte Landerichtungszahl ”08” direkt vor sich und eine noch immer deutliche, zwei Kilometer lang durchgezogene Mittellinie.

Mit dem Sturmwind im Rücken senkte der SWISS-Bordkommandant die Nase der Saab und setzte um 20.43 Uhr kurz hinter den einst für die MiG-Kampfbomber gemalten Streifen der Aufsetzzone korrekt auf die Center Line. Erleichterung aber in Kabine und Cockpit. Doch dann, Alptraum jedes Piloten: Ein ohrenbetäubender Knall. Im Ausrollen war die Maschine gegen ein quer über die Bahn geschüttetes Hindernis gerast. Sie verlor das Hauptfahrwerk, das Bugrad grub sich durch den 70 Zentimeter hohen Erdwall. Der Rumpf krachte auf den Beton und rutschte noch 300 Meter auf den Motorgondeln weiter, Funken sprühten, wo die Flächen über die Bahn ratschen.
 

 

 

 

Drei Wochen nach Bruchlandung: Patient ist wieder gesund

Berlin-Buch, 01.09.2004. Glück im Unglück hatte ein Passagier eines Jets vor knapp drei Wochen bei einer Bruchlandung auf dem Flugplatz Werneuchen. Er erlitt eine Fraktur des 1. Lendenwirbels und wurde mit dem Notarztwagen ins HELIOS Klinikum Berlin-Buch eingeliefert. Heute konnte der Geschäftsführer eines Betonwerkes die Heimreise nach Osterhofen (Niederbayern) antreten.

Das Unglück ereignete sich am 12. August kurz vor 18.00 Uhr. Der Pilot, der den Start abbrechen musste und zum Flugplatz Werneuchen zurückkehren wollte, landete mit dem zweimotorigen Jet etwa 200 Meter vor dem Rollfeld. Bei dem harten Aufprall erlitten drei der sechs Passagiere Brüche im Wirbelbereich und mussten ins Krankenhaus. Die beiden Berufspiloten blieben unverletzt. Der firmeneigene Jet, der nach der Bruchlandung Feuer fing und von der Freiwilligen Feuerwehr Werneuchen gelöscht wurde, erlitt Totalschaden.


 

Patient Erwin G. (rechts) mit Dr. med. Jörg Schmidt, Chefarzt der Klinik für Unfall-, Hand- und Wiederherstellungschirurgie des HELIOS KLinikums Berlin-Buch

Erwin G. wurde am gleichen Abend in der Unfallchirurgischen Klinik des HELIOS Klinikums Berlin-Buch operiert. Die Chirurgen richteten den gebrochenen Wirbelkörper durch Fixateur interne wieder auf. "Eine Stunde nach der Operation habe ich mit meiner Frau telefoniert, und am nächsten Tag konnte ich wieder aufstehen", erinnert sich der genesene Patient. Nach einer Woche musste sich der zweifache Familienvater einem zweiten Eingriff unterziehen. Zur dauerhaften Stabilisierung füllten die Chirurgen den Wirbelkörper mit körpereigenem Knochenspan. "Der Eingriff wurde minimalinvasiv durchgeführt", berichtet Dr. med. Jörg Schmidt, Chefarzt der Klinik für Unfall-, Hand- und Wiederherstellungschirurgie des HELIOS Klinikums Berlin-Buch.

Vier Tage später begann die Physiotherapie im Schwimmbad. "Die medizinische, pflegerische Betreuung und der Service waren topp", lobt der Geschäftsführer die "freundlichen und motivierten Ärzte, Schwestern, Pfleger und Physiotherapeuten". Das Personal habe ihn nach der Einlieferung sofort mit Unterwäsche, Schlafanzug und Zahnbürste versorgt, "denn ich hatte ja nichts dabei". Auch die Rehabilitation im bayerischen Griesbach, die der zweifache Familienvater bald antreten wird, organisierte der Sozialdienst der Bucher Klinik.