Eduart ARNHOLD UND DIE KARITAS
Terminus vitae sed non amoris
(Das Ende des Lebens, aber nicht der Liebe)
Eintragung Arnholds in sein Notizbuch
Man könnte meinen, dass ein besonderes Kapitel über die Beziehungen Arnholds zur Karitas sich erübrigte, da ja in den voraufgegangenen Kapiteln fortwährend dies Verhältnis gestreift wurde. Das gilt namentlich für den vorhergehenden Abschnitt, in dem wir die wahrhaft gro߬artige Gebefreudigkeit Arnholds der Kunst gegenüber schilderten. Und dennoch bleibt sehr viel in dieser Hinsicht zu sagen. Was er für die Kunst getan hat oder was er in einzelnen Wohltätigkeitshandlungen für ihm Nahestehende oder selbst völlig Fremde tat, das ist alles nicht im eigentlichen Sinne Karitas. Karitas, wie wir sie im vorliegenden Kapitel meinen, ist organisierte Wohltätigkeit an Armen und Elenden, an Witwen und Waisen. Hierbei ist das Wort Waisen bei Arnhold dreimal zu unterstreichen. Sein Hauptinteresse in der Karitas galt der jungen Generation, den Kindern. Und das ist sicherlich die beste Form der Wohltätigkeit überhaupt. Es ist sehr gut, für ältere Leute etwas zu tun, aber es ist noch richtiger, es für Kinder zu tun, weil dabei nicht Vergangenheit oder Gegenwart in Betracht kommt, sondern die Zukunft. Freilich, wenn wir Arnholds Wirken für die hilfsbedürftige junge Generation ins Auge fassen, dürfen wir niemals vergessen, daß gerade dabei ihm seine Gattin vor allem zur Seite stand. Sie in ihrer großen Mütterlichkeit faßte schon früh den Plan zur Errichtung eines Erziehungsheims, und sie ist es denn auch gewesen, die den Plan ausgestaltete und später das fertige Haus mit nie ermüdender Sorgfalt betreute. Doch wäre es vollkommen falsch, an-
zunehmen, dass nun etwa der Gatte nichts anderes gewesen sei, als der Geldgeber. Nein, auch er interessierte sich bis in die Einzelheiten für den Plan und das fertige Haus, und gerade an ihm hingen die Kinder mit besonderer Liebe. Bei Festlichkeiten des Hauses fehlte er niemals, doch auch dazwischen besuchte er es häufig, und wenn die Kinder zu ihm in das Haus kamen, war er der zärtliche Vater und Großvater, der an allen ihren Sorgen Anteil nahm.
Die Stiftung, von der wir reden, ist das „Johannaheim", genannt nach der Gattin Eduard Arnholds. Es wurde im Jahre 1907 in Werftpfuhl, einem Vorwerk des Arnholdschen Gutes, anlässlich der silbernen Hochzeit von Eduard und Johanna Arnhold gegründet. Es ist ein Erziehungsheim für Mädchen. Der besondere Sinn der Anstalt besteht darin, die Kinder möglichst früh aufzunehmen, sie dann durch die Schule und die gesamte Ausbildung zu begleiten und sie auch später noch in Verbindung mit dem Heim zu halten. Zeitweilig waren über 100 Kinder im Heim, dazu kamen noch eine große Anzahl auswärtige, in manchen Jahren gegen 60. Die Kosten des Johannaheims wurden, abgesehen von den Leistungen der zahlenden Kinder und gelegentlichen öffentlichen Zuschüssen, die aber nur geringfügig waren, einzig und allein von Arnhold bestritten. Selbst unter den auswärtigen Kindern hatten eine Anzahl Freistellen.
Das Wesen des Johannaheims beruht in der Landerziehung. Es ist ein Landerziehungsheim gewesen, längst bevor das Schlagwort aufkam. Aber es hat doch durch seine Nähe zu Berlin den Kindern auch alle Vorteile der Weltstadt verschafft. Die Kinder fahren nach Berlin, um Bildungseinrichtungen wahrzunehmen, umgekehrt kommen Lehrer und Lehrerinnen aus Berlin, die den Unterricht der ständigen, im Hause wohnenden Lehrkräfte ergänzen.
Der Charakter des Landerziehungsheims ist eng verbunden mit dem Charakter als Arbeitsschule. Das Johannaheim will nicht nur Wissen vermitteln, sondern will seine Schülerinnen praktisch tüchtig machen. So werden sie zum Beispiel an allen häuslichen Arbeiten beteiligt, eine Einrichtung, die besonders ausgedehnt wurde, als die Not der Zeit zur Einschränkung des Betriebes zwang.
Hieraus ergibt sich schon, daß die Erziehung Gruppenerziehung ist, das heißt, es werden kleine Familien gebildet unter Aufsicht immer einer Lehrerin. Hierdurch soll das Gemeinschaftsleben entwickelt werden, und es beschränkt sich natürlich die Gemeinschaftserziehung nicht auf die Gruppe, sondern sie soll übergreifen auf die Gesamtheit der Zöglinge. In
der Tat haben sich denn auch die Mädchen der Anstalt stets als eine große Familie gefühlt, als eine Familie, geleitet von Onkel Eduard und Tante Johanna. Die Oberin wurde stets mit Mutter angesprochen. Wie groß der Gemeinschaftsgeist ist, zeigt sich in der zärtlichen Anhänglichkeit der aus dem Heim Entlassenen. Sie versäumen, wenn es ihnen nur irgend möglich ist, keine Heimfeier und kommen auch sonst häufig zu Besuch. Ja, es ist oft geschehen, dass frühere Zöglinge von weit her zu den Feiern gereist kamen.
Das Johannaheim hatte in seiner besten Zeit heute ist, wie erwähnt, der Betrieb durch die veränderten Verhältnisse eingeschränkt — außer einer Mädchenschule mit Lyzeumcharakter eine Handelsschule und eine Frauenschule, dazu noch eine Säuglingsschule, in der Unterricht erteilt wurde an den Kleinsten der Anstalt. Die schon erwähnte praktische Tendenz des Johannaheims zeigte sich auch darin, daß Gruppen für praktische Arbeiten eingerichtet wurden, worin an drei Nachmittagen in der Woche Unterricht erteilt wurde: im Kochen, in der Buchbinderei, in der Nähstube und im Garten. Für die jüngeren Kinder bestanden auch Handfertigkeitsstunden. Überall wurde für das Haus gearbeitet, und um das Gemeinschaftsleben zu stärken, nahmen auch die Lehrerinnen daran teil.
Doch auch die körperliche Erziehung wurde und wird nicht vernachlässigt. Der Vormittagsunterricht wird durch eine dreiviertelstündige Sportpause unterbrochen; eine halbe Stunde wird geturnt, und zwar wechseln Geräteturnen, Gymnastik und Spiel ab. Im Winter war eine Lehrerin der Gymnastik im Hause. Durch die Lage der Anstalt auf dem Lande wurde zudem von selbst die körperliche Ertüchtigung der Mädchen gefördert. In den Freistunden können sie sich in dem herrlichen Garten, der beinahe schon ein Park ist, ergehen und können dort spielen und tanzen.
Bei dieser gesunden Erziehung waren die Ergebnisse des Johannaheims gerade in körperlicher Hinsicht ausgezeichnet. Wenn man die lange Reihe der an den Landrat des Kreises Oberbarnim erstatteten Berichte durchsieht, wird man beim Kapitel „Gesundheitsbericht" stets das Erfreulichste finden. Die ärztliche Überwachung aber war auch vorzüglich; sie wurde ausgeübt von drei Berliner Ärzten, darunter einem hervorragenden Kinderarzt und einer zahnärztlichen Kapazität, und einem Arzt in Werneuchen, der nächstgelegenen Stadt.
Besonders berühmt sind stets die Feste des Johannaheims gewesen, die, um die Selbsttätigkeit der Kinder zu stärken, teilweise von den Kindern selber arrangiert wurden. Den Höhepunkt der Feiern bildete immer der Geburtstag der Stifter, der auf einen Tag gelegt werden konnte, da Eduard und Johanna Arnhold nur wenige Tage voneinander geboren sind. Aber auch zu Weihnachten fanden immer große Aufführungen statt. Dazu noch bei anderen Gelegenheiten, wie etwa beim Geburtstag der Oberin oder der Schulleiterin oder bei Abschiedsfesten von Lehrerinnen. Von den aufgeführten Stücken nennen wir nur Turandot von Schiller, Minna von Barnhelm, Leonce und Lena von Büchner, Sommmernachtstraum, Hanneles Himmelfahrt, Tor und Tod von Hofmannsthal, die Oper Der Wolf und die sieben Geislein von Humperdinck, kleine Mozartsche Hauskomödien und viele Märchenspiele zu Weihnachten, daneben auch mittelalterliche Weihnachtsmysterien. Manchmal wurden auch von Lehrerinnen oder Schülerinnen gedichtete Stücke zur Darstellung gebracht. Schließlich gab es noch Filmabende, Musikabende und Rezitationen, darunter in einem Jahr allein zwei Dante-Abende. Die Weihnachts- oder Osterspiele wurden manchmal in der alten Dorfkirche von Hirschfelde aufgeführt, die Sommerspiele auf der Freilichtbühne des Parkes von Hirschfelde.
Viele Ausflüge belebten die Erziehung. Nach Potsdam und Wannsee fuhr man regelmäßig oder auch nach Kloster Chorin und nach Rheinsberg. Aber auch größere Reisen wurden gemacht; so hat in einem Jahre eine Klasse fünf Tage nach Hildesheim, Goslar, Halberstadt, Quedlinburg und Magdeburg fahren können; eine andere fuhr vierzehn Tage nach Rügen.
Auch die Lehrerinnen hatten Gelegenheit, auf Ausflügen ihre Kenntnisse zu bereichern, so, indem sie an der Unterrichtswoche der Gaudigschen Schule in Leipzig teilnahmen oder die Lietzschen Landerziehungsheime besichtigten.
Eine besondere Zierde des Johannaheims ist seine Bibliothek, für die sich Eduard Arnhold sehr interessierte. Immer wieder ist in den Berichten vermerkt, dass er ihr Bücher überwiesen hat.
Sehr wichtig erschien es von vornherein den Stiftern des Johannaheims, die Zöglinge nach Abschluß des Unterrichts in gute Stellen unterzubringen. Besonders große Erfolge erzielte darin die Handelsschule; es gelang stets, sämtlichen Kindern gute Stellen zu verschaffen. Aber auch sonst waren die Erfolge in dieser Hinsicht vortrefflich. Sehr bald nämlich schon war der ausgezeichnete Zustand der Anstalt, ihre hervorragenden Erziehungserfolge bekannt geworden, und man sah Absolventinnen des Johannaheims besonders gern. Im Jahresbericht von 1924 befindet sich eine Statistik über 118 Kinder, die das Heim bis dahin bis zur Selbständigkeit erzogen hat und in folgenden Berufen ausbilden ließ:
Buchhalterinnen 41
Stützen 36
Schwestern 9
Säuglingspflegerinnen 8
Kindergärtnerinnen 6
Schneiderinnen 5
Laborantinnen 2
Oberlehrerin 1
Lehrerinnen 6
Zahntechnikerin 1
Technische Zeichnerin 1
Postbeamtin 1
Buchbinderin 1
Bei einem großen Teil der Schülerinnen geschah nicht nur die unmittelbare Ausbildung im Heim, sondern auch die Berufsausbildung nach Verlassen der Anstalt auf Kosten der Stifter. Die begabtesten Schülerinnen erhielten die Möglichkeit, entweder auf der Universität zu studieren, sich seminaristisch auf den Lehrerinnenberuf vorzubereiten, oder sonstige hochwertige Anstalten zu besuchen. So wird zum Beispiel in einem Jahr (Jahresbericht 1920/21) von 12 Mädchen, die der Berufsausbildung unterlagen, folgendes berichtet:
Es besuchten
1 die Universität in Göttingen (klassische Philologie) 1 die Studienanstalt in Hirschberg
1 das Volksschullehrerinnenseminar in Augustenburg
2 das Oberlyzeum in Droyßig
3 die Handelsschule in Berlin
1 das Kindergärtnerinnenseminar des Paul-Gerhard-Stiftes
2 die Haushaltungsschule in Frankfurt a. d. Oder
1 die Hausbeamtinnenschule des Pestalozzi-Fröbel-Hauses.
Die wirtschaftliche Leitung des Johannaheims und die häusliche Erziehung der Kinder lag in den Händen der Oberin. Seit vielen Jahren versieht dieses Amt Frau Franziska Teichen. Schulleiterin war bis vor kurzem — ebenfalls viele Jahre — die Oberlehrerin Hildegard Roos. Beide haben sich um das Johannaheim außerordentlich verdient gemacht, was sich schon darin aussprach, daß die Mädchen sowohl an der Oberin wie an der Schulleiterin von ganzem Herzen hingen. Daneben aber — oder soll man sagen darüber? — gehörte ihre Liebe den beiden Stiftern des Heims.
Sehr schön spricht sich diese Anhänglichkeit der Mädchen in einer Anzahl von Briefen aus, die die auswärtigen Johannaheimkinder „ihrer lieben, verehrten Tante Johanna" zum Weihnachtsfest 1926 gewidmet haben. Und gerade die Tatsache, daß hier Zöglinge sprechen, die nicht mehr in der Anstalt sind und die doch mit allen Fasern ihres Herzens am Johannaheim hängen, sagt deutlich, wie die Anstalt es verstanden hat, Liebe und Treue in die Seelen der Mädchen zu pflanzen. Und fast in allen Briefen kommt auch der verewigte Geheimrat Arnhold vor, immer wieder erinnern sich die Mädchen seiner, immer wieder denken sie an seine große Freundlich¬keit und an sein nie nachlassendes Interesse für das Heim. Sie sind noch zu jung, um die riesigen materiellen Opfer ganz zu verstehen, die der Verewigte zwanzig Jahre lang für das Heim geleistet hat, aber sie spüren doch alle die Wärme und die große Gesinnung, die er dieser Lieblings¬schöpfung seiner Gattin entgegenbrachte.
Es ist ein stattlicher, schön ausgestatteter Band, den die auswärtigen Mädchen ihrer Tante Johanna auf den Tisch gelegt hatten, sauber mit Schreibmaschine geschrieben, versehen mit Bildern und vorn mit einem Titelblatt, das das Hauptgebäude des Johannaheims mit dem Turm zeigt. Nicht besser können wir den Geist des Heims charakterisieren, als wenn wir eine Anzahl der Briefe hier wiedergeben, teilweise vollständig, teil¬weise im Auszuge. Man wird sehen, wie ausgezeichnet sich diese früheren Zöglinge auszudrücken wissen, und wird daraus die Güte des Unterrichts ermessen. Aber mehr als das formale Moment spricht uns die große Innigkeit des Gedenkbuchs an, die Herzlichkeit der Zuneigung, die Freude, mit der alle großen und kleinen Erinnerungen an das Heim erzählt sind. Immer aufs neue taucht dabei die Erinnerung auf an die Adventstage und an das Weihnachtsfest, namentlich an den ersten Advent, der in der Tat herrlich im Johannaheim begangen zu werden scheint. Immer wieder wird auch berichtet, wie man mit klopfendem Herzen in das Heim eintrat und wie es dann nach Jahren so schwer wurde, es zu verlassen.
Wir geben zunächst den Anfangsbeitrag und den Schlußbeitrag der Sammlung wieder:
Kindertränen! Wer könnte sie sehen, ohne selbst heißen Schmerz zu spüren und den brennenden Wunsch, Trost spenden zu dürfen. Wie herzzerreißend der Jammer solch eines kleinen Menschleins, wie bebt und glüht das ganze Körperchen in verzweiflungsvollem, unstillbarem Graml Wie bitter und schwer das eigene Herz, wenn Linderung nicht in unserer Macht.
Aber es gibt ein Haus, in dem noch keine Kindertränen flössen, in dem jeder Schmerz und jeder Kummer gestillt wurden, bevor sie noch richtig da warenl Ein helles Haus und ein grüner Garten und hundert Kinder darin, lachend und jauchzend, mit blanken Augen, gesund und gepflegt. Ein Kinderparadies, ein traumhaft glückliches Jugendland, in dem eine einzige große Macht regiert — die Mutterliebe.
Wer einmal, und sei es nur für kurze Zeit, hierher fand, der nahm sich einen Freudevorrat und bunte, fröhliche Erinnerungen fürs ganze Leben mit, vom Johannaheim.
Elisabeth Zickler geb. Schuler
Unsere Jugendtage sind verrauscht und verklungen. Die Erinnerung aber daran lebt in uns weiter, und wir zehren daran, einer immer neuen Quelle von Mut und Lebensfreude.
Zucht und Freiheit zu ernstem Streben, festliche Gemeinsamkeit, Sommerfreuden und winterliche Einkehr — so war uns einst hier das Leben bereitet —, ein herrliches Geschenk. Als Erwachsene beginnen wir nun zu danken, durch das, was wir schaffen und durch das, was wir in der Welt sein können, lebendige Zeugen des großmütigen Geistes und der schöpferischen Liebe, die unsere Jugend umsorgte und führte.
Und stets werden wir ein stilles, aber heißes Gebet im Herzen tragen für das Heim und seinen treuen Schutzgeist: Tante Johanna.
Gerda von Gostkowski
Ursula Hirsch spricht von den Sonnabenden im Johannaheim und von dem schönsten Sonnabend, dem ersten Advent:
Ich habe, so lange ich denken kann, von allen Tagen der Woche den Sonnabend am liebsten gehabt, den Tag, der in sich schon den ganzen Sonntag birgt und doch noch nicht wie dieser die Unerbittlichkeit des darauffolgenden Montag.
Aber nun gar erst die Sonnabende im Johannaheim! Schule war nur bis mittags; dann gab es zu Mittag Erbsensuppe, etwas, was unbedingt zum Sonnabend gehörte und was, wenn es gefehlt hätte, uns gewiss alle aus dem Gleichgewicht gebracht haben würde. In der Mittagspause, die ich an allen übrigen Tagen der Woche strengstens heilig hielt und nicht durch Schularbeiten „entweihte", stürzte ich mich auf die Bücher und Hefte, um sie recht bald wieder zumachen zu können, — ich glaube, ich habe Sonnabends nie richtig gearbeitet! —
Und dann nach dem Kaffee fing der Feiertag an! Da war Zeit für Handarbeiten, Lesen, Klavierspielen usw. Und abends nach dem „Damenessen" (übrigens ein typisches Johannaheimwort, das den Außenstehenden gewiss merkwürdig anmutet) gingen wir Großen, d. h. die oberste Gruppe zu Mutter. Da las Mutter uns vor, Storm, Keller, Gabriele von Bülow, Familie Mendelssohn, und wir alle saßen, lagen, knieten auf Boden, Stühlen und Tischen herum und waren glücklich, manchmal gewiss auch nur über die bloße Tatsache, dass man länger aufbleiben durfte und auf diese Weise mit seiner Handarbeit wieder ein gutes Stück vorankam.
Der schönste Sonnabend war stets der vor dem ersten Advent, an dem wir die Lichtchen für die Tische zurechtmachten. Wir sangen Advents- und Weihnachtslieder, und auf allen Gesichtern stand schon die Freude auf den kommenden Tag, wo in den Fluren die großen, weißen und roten Sterne ihr sanftes, geheimnisvolles Licht strahlten, wo das ganze Haus nach Weihnachten duftete und Mutter im Ess-Saal die schönste Andacht des Jahres hielt.
Und diese Sonnabendfreude ist mir geblieben, selbst heute, wo ich bis abends im Bureau sitzen muss. Schon das Bewusstsein, daß morgen Sonntag ist, beglückt mich, und das in doppeltem Maße, wenn ich ihn von Zeit zu Zeit draußen im Heim, unser aller unveränderlich schönen Heimat, feiern kann.
Ursula Hirsch
Besonders schön wird die Adventszeit im Heim in dem Beitrag von Herta Karbe lebendig:
In dem Herzen wird's warm, Still schweigt Kummer und Harm, Sorge des Lebens verhallt, Freue dich! Christkind kommt bald!
Adventszeit! Ein Zauberwort, das auf einmal alles hell und. neu machte nach dem Grau des Novembers! Eigentlich fing es schon gleich nach dem Totensonntage an. Die Weihnachtslieder klangen schon weihnachtlicher, und man war schon mit mehr Weihnachtsstimmung bei den Weihnachtsarbeiten. Aber welch hastiges Treiben gab's dann vor dem ersten Advent! Wie groß war der Kummer, wenn man keinen Erlaubnisschein zum Tannenholen hatte!
Aber wenn man ihn hatte! Ich glaube, der Spaziergang an diesem Tage war bei uns Kindern der beliebteste im ganzen Jahre! Manch -wagehalsige Kletterpartie wurde unternommen, um Zweige mit Tannenzapfen zu bekommen. Und wie gemütlich-geschäftig war's dann nachher in den Tagesräumen, wenn alles verarbeitet wurde zu Kränzen und zum Zimmer-schmuck! Über allem lag heimliche Vorweihnachtsfreude.
Aber das Schönste war doch die Feier am ersten Advent morgens. Jedes Jahr war es dasselbe, aber in jedem Jahr war es von neuem überwältigend. Draußen war's noch dunkel, aber im Ess-Saal auf den weißgedeckten, festlich geschmückten Tischen brannte vor jedem Platz ein Lichtlein, und der schöne, große Adventskranz hatte sein großes Licht. Und wenn wir dann alle die altbekannten Lieder sangen: „Wie soll ich dich empfangen", „Tochter Zion, freue dich" und Mutter mit ihrer lieben, bekannten Stimme das Evangelium von Jesu Einzug in Jerusalem vorlas, dann musste einfach alles, was an Kinderkummer und -sorge in einem war, aufhören und einer großen, frohen Adventsstimmung Platz machen. Nie wieder in meinem Leben habe ich die Adventsfreude so tief erlebt, wie bei jenen schlichten, schönen Feiern am ersten Adventsmorgen im Johannaheim.
Zunächst aber forderte der Alltag für eine Weile noch einmal sein Recht, bis dann die Vorbereitungen für die Aufführungen kamen. Dann gab's eine Emsigkeit — sollte doch alles wunderschön werden. Und wie freuten wir uns, wenn es uns gelang und Fräulein Roos mit uns zufrieden war! Wie wurde da geprobt und geübt! Ich glaube, es gab kaum ein Plätzchen im Hause, wo nicht gesungen wurde!
Und dann die Aufregung, wenn er endlich kam — der große Tag! Daß auch alles klappte und gut wurde und Tante Johanna gefiel. Denn dies war doch unser eigentliches Weihnachtsgeschenk an sie, das, wo wir etwas von uns selbst geben durften, — und es war doch so bitter wenig! Aber ich glaube, sie hat manchmal, wenn es auch äußerlich nicht ganz einwandfrei war, unser Wollen erkannt und dass wir aus dankbarem, frohem Adventsherzen gaben!
Herta K a r b e
Yuki de Lalande faßt ihre Eindrücke folgendermaßen zusammen:
Johannaheim! An mir geht so vieles vorbei. Feste und Aufführungen! Zu schön, zu schön! Advent und Weihnachten mit Tante Johanna, die Weihnachtslieder und Fröhlichkeil! Fräulein Immohrs herrliche Vorspielabende! Da saßen wir alle mit weißen Schürzen und lauschten. Ach, und der Garten, die Blumen und Bäume, die Schule und das Examen! Oh dieses Herzklopfen und dann doch durch! Tausend Dinge, ein Gedanke läßt dem nächsten schon keinen Platz. Wie werde ich froh! Dank! Dank!
Yuki de Lalande
Ingrid von Rieder erzählt, wie ihr der Abschied von ihrer Mutter schwer geworden sei und wie sie das Johannaheim ursprünglich als Fremde empfunden habe, und sie fährt fort:
. . . Aber diese Fremde wurde mir zur Heimat, zum lieben, trauten, unvergeßlichen Zuhause! Nicht an einem Tage, sondern allmählich, und aus dem entwurzelten Fremdling wurde ein echtes Johannaheimkind. Es waren sechs Jahre des freudigen Schaffens, des Schöpfen« aus dem
Brunnen des Wissenswerten, des Aufdämmerns eines Verständnisses für die
Kunst, insbesondere für die hehre Göttin unter den Künsten— die Musik,
Jahre, in denen es auch an bitterem Misslingen nicht gefehlt hat und doch
Jahre voll Glück und Sonne, an die man nicht ohne Heimweh zurück¬
denken kann
Ingrid von Rieder
Von Tante Johanna und Onkel Eduard spricht Else Mewes:
Fein war auch die Zeit, wenn Tante Johanna im Spätsommer für längere Zeit in Hirschfelde war. Dann durften jede Woche ein paar von den Großen sie besuchen. Schon lange vorher war immer die Reihe der Besuchenden von uns ausgerechnet, weil jeder sich so auf diesen Tag freute. Und schön war diese Hirschfelder Zeit auch, weil Tante Johanna und Herr Arnhold dann fast jeden Tag zu uns rüberkamen. Ich kann mich noch so deutlich erinnern, wie wir dann immer alle in die Halle stürmten, wenn der Wagen vorfuhr und Herr Arnhold dann so vergnügt reinkam und uns allen so lustig zurief: „Na, alles mobil?"
Else Mewes
Sehr hübsch schildert Beate von Nedden den Eindruck des Hauses:
Dann werden wir durch das Haus geführt. Ich hatte noch nie ein Haus von solchen Dimensionen gesehen, und ich fürchtete mich etwas, denn ich bezweifelte, dass ich mich jemals in den Gängen, Zimmern und Türen ausfinden würde.
Das ganze Haus ist durchströmt von dem eigenartigen Johannaheimduft, der alle, die ihn kennen, so anheimelt. Es ist so etwas ganz Bestimmtes, ein bissei nach Bohnerwachs, ein bissei nach Kleiderschrank -— nach Schulbüchern. Das typische Johannaheimgeräusch schlägt uns entgegen. Dieses immerwährende Summen von Kinderstimmen, das Trappeln von Kinderfüßen, Lachen, Klavierspiel.
Beate von Nedden
Dora Troost — und damit schließen wir unsere Auswahl der Zöglingsbriefe — erzählt zusammenfassend von dem Leben im Heim und von den Ausflügen und von der Freude für sie, wenn sie jetzt in das Heim auf Urlaub kommt; sie schließt alsdann:
Jetzt, wo ich längst aus dem Heim fort bin, meinen Beruf habe, der meine ganzen Kräfte verlangt, gehört zu den schönsten Aussichten für den Urlaub: ein Besuch im Heim! Wenn ich nur wenige Tage dort zubringe in der wunderbaren Ruhe, wo man nachts das so anheimelnde Rauschen der Bäume hört, wo die Menschen so harmonisch miteinander leben, so können mir diese wenigen Tage eine Erholung von Wochen ersetzen.
Dora Troost
Nach den Äußerungen einiger auswärtiger Kinder des Johannaheims lassen wir auch eine langjährige Lehrerin des Heims, Fräulein Margarete Lang, zu Worte kommen. Im vorhergehenden Kapitel ist bereits ein Bericht der Schulleiterin, Fräulein Hildegard Roos, abgedruckt, der aber nur eine Besichtigung der Galerie Arnhold durch die Kinder betrifft. Fräulein Lang wird über das Johannaheim selber sprechen:
Der Wunsch, Kindernot zu lindern, Kinder sorglos sich entwickeln zu sehen und sich an Kinderglück zu freuen, hatte das Haus entstehen lassen. Die Kinder empfanden es, ohne sich klar darüber zu werden. Ihr Verhältnis zu den Stiftern war unmittelbarstes Leben. Das drängte sich bei jedem Verweilen des Stifters im Heim blühend und in freier Freude an sie heran. Es ließ sich mitreißen von dem Strom des großen Lebens, der Herrn Geheimrat umgab, von seiner frischen, starken Lebenskraft und unbeirrbaren Lebensfreude. „Die Tränen lassen nichts gelingen, wer schaffen will, muss fröhlich sein" — dies Wort, das er oft wiederholte, fand einen vollen Widerhall bei aller jungen Lebenszuversicht.
Das planvolle Ausgestalten und dauernde Erhalten des großen Ganzen, in dem sie lebten, kam den Kindern nur selten, nur bei besonderen Anlässen, zum Bewusstsein. Ich erinnere mich, hin und wieder tief empfundene Äußerungen dieser Art gehört zu haben: so, wenn eine neuaufgenommene Kameradin, ein Ostpreußenflüchtling, eine Baltin oder eine sonst wie vom Schicksal der Heimat beraubte Altersgenossin von schwerem Erleben erzählte und die Zuhörer das eigene Geborgensein erkannten.
Im ruhigen Gang der Tage war nicht die Rede davon. Die Selbstverständlichkeit, mit der das Kleinste und das Größte aus derselben Quelle floss — die Schulfeder und die ganze Schulausbildung, das Stück Brot und die gesamte häusliche Umgebung —, war so groß wie die der Sonnenstrahlen, über deren Ursprung man auch nicht oft nachdenkt. So entstand dasselbe sorglose Hinnehmen, das Kinder dem Elternhaus gegenüber haben, und das erst im späteren Leben nach vergleichenden Werten dem vollen Erkennen weicht. —
Der Bereich des Johannaheims umschloss eine Fülle der gegenwärtigen Mädchenbildungsaufgaben. Selbst das allgemeine, einheitliche Ziel des Selbständigwerdens durch einen Beruf forderte die Wahl mannigfaltigster Wege, sobald Berufseignung und -aussichten in Betracht gezogen wurden. Wieviel Prüfen und Wägen steht hinter den Ergebniszahlen! Was für ein Nachdruck lag bei uns auf der Forderung früher Selbständigkeit, meist ohne den vorläufigen wirtschaftlichen Stützpunkt eines Verwandtenkreises! Wie notwendig wurde es, Mittel zu finden, um den jungen Menschen einen dauernden Rückhalt am Johannaheim zu geben!
Von dem Wunsche, sie nicht zu früh dem täglichen Einfluß des ge¬wohnten Kreises zu entziehen, zeugen Ansätze zu eigener, über die Schule hinausweisender Ausbildung: die Frauenschule und die Höhere Handelsschule.